Projektbericht

„Filmischer Essay – Utopie & Dystopie“ – Kunstvoll Kulturfonds 2021/22

Urs Daun und Anne Eßer

Zeitlicher Ablauf,  organisatorischer Rahmen und inhaltliche Planung

Das Projekt fand mit insgesamt 34 Teilnehmer*innen aus zwei Kunst-Grundkursen der Q1/2 kontinuierlich über das ganze Schuljahr 2021/22 statt und war in die regulären Doppelstunden am Mittwochnachmittag integriert.

Der Einführungserlass für das Abitur und der Lehrplan sehen die Befassung mit Film und Fotografie für das zweite Halbjahr (Q2) vor, während im ersten Halbjahr die Bildende Kunst den Schwerpunkt darstellt. Um das Projekt optimal mit den vorgeschriebenen Unterrichtsinhalten zu vereinbaren wählten wir als Thema für den Hauptfilm und zugleich ersten Film unseres Projektes die persönliche Auseinandersetzung der Jugendlichen mit den Werken der Künstler*innen, die als verbindlicher Unterrichtsstoff im ersten Halbjahr zu behandeln waren (Otto Dix, Paul Gauguin, Paula Modersohn-Becker und Jeanne Mammen). Die Arbeit an diesem Film sollte als gemeinsames Projekt aller 34 Schüler*innen bereits im ersten Halbjahr beginnen und uns bei den verschiedenen Aktivitäten begleiten: beim Besuch im Museum, beim Malen an den eigenen Bildern und bei der intensiveren Beschäftigung mit den Werken der vier genannten Künstler*innen. Die theoretische Befassung mit diesen Werken sollte in unserem Film nicht in Form von klassischen Bildinterpretationen erfolgen. Die Methoden der Bildanalyse wurden natürlich im Unterricht durchgenommen, für den Film wählten wir aber „Bildumgangsspiele“, die eine mehr subjektive Herangehensweise ermöglichen und zu persönlichen Assoziationen anregen können, wie zum Beispiel fiktive Interviews mit einer Figur aus einem Gemälde oder szenische Improvisationen zu einem Gemälde. Dabei lernten die Schüler*innen zugleich verschiedene filmische Verfahren kennen, wie insbesondere etwa die Arbeit mit dem Green-Screen.

insgesamt wurden 24 Gemeinschaftsprojekte im Schuljahr 2021/2022 gefördert

Im ersten Halbjahr bot die Arbeit an dem gemeinsamen Film daher eine kreative Form der Auseinandersetzung mit den Werken der vier Künstler*innen, parallel dazu wurden in den Theoriestunden von Urs Daun Grundkenntnisse zum Thema „Film“ vermittelt und Beispiele für essayistische Filme besprochen, um die spätere Gruppenarbeit an eigenen Filmprojekten der Schüler*innen vorzubereiten. So war es möglich, einerseits direkt in die praktische Arbeit des Filmens einzusteigen – nämlich mit dem großen Gemeinschafts-Filmprojekt – und zugleich die theoretischen Grundlagen für die eigenen Filmprojekte zu erarbeiten. Ein Highlight im ersten Halbjahr war der Besuch der Paula-Modersohn-Ausstellung in der Schirn. Wir konnten hierbei sogar eine Drehgenehmigung erhalten.

Durch die Führung erfuhren die Schüler*innen viel über Paula Modersohn-Becker

Im zweiten Halbjahr erfolgte dann verstärkt auch die Arbeit an den eigenen Filmprojekten der Kleingruppen, wobei jedoch der gemeinsame Film sich als „Hauptprojekt“ entwickelte, da immer mehr Szenen hinzu kamen und das Konzept sukzessive erweitert und ergänzt wurde.

Auch im zweiten Halbjahr unternahmen wir eine Exkursion mit allen Schüler*innen gemeinsam. Wir besuchten im Rahmen der  SchulKinoWochen eine Vorführung des Films „Schräger als Fiktion“, der sich wegen der besonderen Verwendung der Erzählstimme als Beispiel für mögliche essayistische Herangehensweisen an filmische Arbeit eignete. Unmittelbar im Anschluss an den Film fand vor Ort ein Filmgespräch statt. Wir hatten den ganzen Kinosaal und das Filmgespräch exklusiv für uns gebucht, daher konnte die Veranstaltung sehrt gut auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten werden.

In beiden Halbjahren malten die Schüler*innen im Kunstunterricht in Gruppen-oder Einzelarbeit im Kunstunterricht großformatige Gemälde, bei denen sie mit Verfahren der vier Künstler*innen experimentierten. Bei der Arbeit an den Gemälden filmten die Schüler*innen sich gegenseitig. Die zum Teil sehr gelungenen Bilder werden nun über einen längeren Zeitraum im Foyer der Schule ausgestellt und die Szenen beim Malen gingen in den Gemeinschaftsfilm ein.

Zuletzt entstanden neben dem gemeinsamen Film „Otto, Paul(a), Jeanne und wir – ein KUNSTVOLL(er) Film voller Kunst“ noch zwölf weitere Filme unterschiedlicher Qualität.

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Reflexionen zur Lerngruppe, zum Arbeitsprozess und zu den Ergebnissen

Die Schüler*innen der Lerngruppe brachten, wie es bei 34 Teilnehmer*innen zu erwarten ist, sehr unterschiedliche Motivationen, Vorkenntnisse und Fähigkeiten mit. Auch die Arbeit an dem gemeinsamen Film erfolgte bereits in (zum Teil wechselnden) Kleingruppen, zum Beispiel wenn die „Interviews mit den Bildern“ durchgeführt wurden. Die Möglichkeit und Herausforderung, mehr selbständig und frei zu arbeiten, gab der Eigeninitiative Raum, bot aber auch Gelegenheit, herumzualbern und Unsinn zu verzapfen. Die Filmszenen, die dabei entstanden, zeigen zum Teil das ernsthafte Bemühen, sich in die Gemälde einzufühlen und über die persönlichen Eindrücke zu sprechen, zum Teil aber auch einen mehr oberflächlichen oder sich-lustig-machenden Umgang mit den Bildern, und in manchen Sequenzen beides. Wir haben gemeinsam mit den Schüler*innen entschieden, nicht nur die „seriösen“ Szenen in den Gemeinschaftsfilm aufzunehmen, sondern die ganze Bandbreite der Reaktionen der Jugendlichen auf die Gemälde zu zeigen.

Auch bei den Szenen im Museum sieht man, wie einige Jugendliche ihre eigenen Gedanken zu den Bildern treffend formulieren, während von anderen eher nur das gerade von der Museumsführung Gehörte wiederholt wird. Auch hier behielten wir Beispiele für beides im Film.

Diese vier Schüler setzen sich mit Hilfe der Greenscreen-Technik in ein Kunstwerk

Nach unserem Eindruck wurden die Auseinandersetzung mit den Kunstwerken und die gemeinsame Arbeit nach und nach von allen ernster genommen und engagierter angegangen, je mehr bereits von dem Endprodukt zu sehen war und der Gemeinschaftsfilm Gestalt annahm. Einige Schüler*innen engagierten sich besonders stark, so nahm unter anderem die Vertonung viel Zeit in Anspruch und  einige „Nachdreh“- Arbeiten erforderten zusätzliche Mühe.

Einen besonderen Höhepunkt als Unterrichtsergebnisse stellen die eigenen Gemälde der Schüler*innen dar, die auch im Film sehr gut zur Geltung kommen. Die eigene Malerei wurde von vielen Jugendlichen ähnlich wie auch die Arbeit am Film selbst mit zunehmend mehr Einsatz betrieben, als erstens der Erfolg durch das angewandte bildnerische Verfahren sichtbar zu werden begann (ab einem gewissen Zeitpunkt sahen die Jugendlichen, dass die Bilder „gut“ werden würden) und zweitens die Repräsentation der Bilder in einer Ausstellung und in dem Gemeinschaftsfilm  bevorstand.

Dem fertigen Gemeinschaftsfilm sieht man die „Puzzle“-Arbeit an, da er Szenen von ganz unterschiedlichen Orten und  Zeiten (über das ganze Schuljahr hinweg), sowie von unterschiedlichen Gruppen vereint und zudem als „Work in Progress“ entstand.

Zudem wollten wir bewusst nicht nur die „gelungenen“ oder „tiefsinnigen“ Schüleräußerungen auswählen. Insgesamt repräsentiert der Film unseres Erachtens sehr gut den Prozess der persönlichen Auseinandersetzung der Schüler*innen mit den Kunstwerken, auf verschiedenen Ebenen, vom bloßen Ulk bis zum differenzierterem Nachdenken.

 

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Bei der eigenen Projektarbeit der Kleingruppen erwies sich die Vorgabe des „Essay-Films“ als sehr anspruchsvoll für einige Gruppen. Auch wenn zahlreiche Beispiele für essayistische Filme gezeigt und diskutiert worden waren, kamen die Jugendlichen bei ihren eigenen Ideen eher auf konventionell erzählte Handlungen zurück, wobei immerhin das Thema „Utopie und Dystopie“ zumeist mit reflektiert wurde. Da den Jugendlichen bei dieser Aufgabe viel Freiraum gelassen werden sollte – während die Arbeit am gemeinsamen Film sehr intensiv beratend begleitet wurde – besprachen wir zwar die Ideen und machten Vorschläge für eine „essayistische“ Herangehensweise, wollten aber nicht allzu sehr eingreifen und eine bestimmte Art von Ergebnissen „erzwingen“. Die gemeinsame Sichtung und Auswertung der Ergebnisse mit den beiden Grundkursen ergab, dass sehr unterschiedliche Herangehensweisen vorlagen: einen essayistischen Ansatz hat zum Beispiel der Film „Zwei Leben“ von drei chinesischen Schülerinnen, der aus der Perspektive von Überwachungskameras zwei verschiedene Versionen des Lebens eines Mädchens erzählt und mit einem erklärenden Kurztext (chinesisch mit deutschen Untertiteln) unterlegt ist. Allerdings versteht der Betrachter in der Kürze des Ablaufs die Filmaussage nur mit Mühe. Als Essay-Film kann auch der Film zweier Mädchen betrachtet werden, die eine hypnotische Traumsequenz im nächtlichen Wald gefilmt haben, unterbrochen von assoziativ verketteten Erinnerungsbildern. Auch der Film   „Farben“ weist einen essayistischen Ansatz auf – die Wirkung von Drogen wird durch Farben und Materialien veranschaulicht, jedoch etwas knapp. Weniger „typisch essayistisch“, jedoch mit klarem Bezug zum Thema „Utopie und Dystopie“ sind die Stop Motion Filme „Das Meer“ (zunehmende Vermüllung mit Plastik), „The Loop“ (Zerstörung der Natur und Neuanfang) und der aus der Perspektive einer Biene gedrehte Film „Die ver(w)irrte Biene – Ausflug in eine dystopische Welt“, in dem die Biene aus einem paradiesischen Garten in eine verbaute und schmutzige Industrielandschaft gerät und von Qualm betäubt wird, aber zuletzt zurück findet.

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Perspektive/Ausblick

Im Foyer der Schule sind derzeit bereits die Gemälde der Schüler*innen ausgestellt. Auch die Filme sollen dort für eine längere Zeit „ausgestellt“ werden, indem für jeden Film ein QR-Code erstellt wird. Ein aussagekräftiger Screenshot aus dem Film dient als Filmplakat und wird mit dem QR-Code versehen. So können vom Betrachter die Filme aufgerufen werden, die auf dem Schulserver oder auf youtube gespeichert sind. Die Filmplakate werden in verschiedenen Räumen in der Schule aufgehängt, z.B. auch im Lehrerzimmer, in der Mensa, der Mediathek und im Internat, sodass Schüler, Lehrer und Eltern die Filme an verschiedenen Orten anschauen können. Es ist auch vorgesehen, die Filmplakate mit den QR-Codes im Jahrbuch der Schule abzudrucken, das auch bei den Eltern und Ehemaligen verteilt wird.

Einige ausgewählte Filme werden bei der nächsten Schulversammlung gezeigt, sodass die Filme eine breite Schulöffentlichkeit erreichen. Für den Anfang des kommenden Schuljahres haben wir Führungen mit Klassen und Kursen der verschiedenen  Stufen sowie mit  Lehrern durch die Ausstellung im Foyer geplant, wo die Gemälde und die Filmplakate ausgestellt sind.

Auch die filmische Arbeit selbst soll am Schulzentrum Marienhöhe weiter geführt werden, eine regelmäßige Kooperation mit Urs Daun wird von der Fachschaft Kunst angestrebt, da die anderen Kunstlehrer*innen die Arbeit sehr positiv wahrgenommen haben.

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Fazit

Insgesamt betrachten wir das Projekt als ertragreich und gelungen. Alle zusammen haben ein großes Arbeitspensum geschafft: einen längeren Gemeinschaftsfilm und zwölf Filme aus Gruppenarbeiten (mit unterschiedlichen filmischen Techniken wie Spielfilm, StopMotion, Zeichentrick); eine Gemäldeausstellung mit Malerei der Schüller*innen; ein Museumsbesuch mit Führung und ein Kinobesuch mit Filmgespräch; Filmplakate mit QR-Codes Die Jugendlichen setzten sich mit Hilfe des Mediums Film intensiv mit den Künstler*innen Otto Dix, Paul Gauguin, Paula Modersohn-Becker und Jeanne Mammen auseinander. Sie durchliefen im Laufe des Jahres alle Bausteine einer Filmproduktion von der Ideenfindung und der Drehplanung über den Dreh mit ihren Mobilgeräten bis hin zum Schnitt und lernten zudem die StopMotion-Technik kennen. So waren sie für ihre eigenen Filmproduktionen am Ende des Schuljahres gewappnet. Diese Herausforderung wurde von den Teilnehmenden mit unterschiedlicher Ernsthaftigkeit angenommen und manches Mal hätten wir uns von einigen Schüler*innen mehr Eigeninitiative und Konsequenz beim Arbeiten gewünscht. Andere Gruppen dagegen zeigten großen Einsatz und arbeiteten über den Unterricht hinaus selbständig weiter an ihren Projekten. Dadurch entstanden Produkte mit einem sehr unterschiedlichen künstlerischen Qualitätsanspruch.

In jedem Fall haben die Schüler*innen gelernt, das Medium Film in unterschiedlichen Kontexten und mit verschiedenen Verfahren als Kulturtechnik einzusetzen und für ihre eigene ästhetische Praxis zu nutzen.

COVID19

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Teilnehmer*innen einer Onlinefortbildung
Im Zuge der Covid-19 Pandemie haben die meisten Institutionen und Auftraggeber Präsenzfortbildungen und -workshops auf Grund des hohen Ansteckungsrisikos zunächst abgesagt. Daher entwickelte ich im Frühjahr 2020 drei Online-Fortbildungs- und Workshopformate, die sich gut mit Lehrerkollegien oder Schulklassen umsetzen lassen. Die Themen sind „Legetrick mit mobilen Endgeräten“, „Filmen und Schneiden mit iPads“ und „Zeichentrickanimation mit dem iPad“. mehr >>

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